Pflanzliches Gift als
Instrument für den "perfekten" Mord
Pathologen unfähig Cerbera-Vergiftungen
festzustellen
Eine als "Suizid-Baum" titulierte Pflanze tötet in
Indien mehr Menschen als bisher angenommen worden ist. Die Warnung
kommt von kriminaltechnischen Toxikologen in Indien und Frankreich,
die eine Überprüfung von Todesfällen durchgeführt haben, die auf
pflanzliche Gifte zurückzuführen sind. Cerbera odollam, die in
Indien und Südost-Asien wächst, wird von mehr Menschen als
Selbstmordinstrument verwendet als jede andere Pflanze, sagen die
Toxikologen. Weiters befürchten die Experten, dass Ärzte, Pathologen
und Leichenbeschauern häufig bei der Feststellung versagen, wie oft
die Pflanze als Mordwerkzeug dient.
Ein Team vom Laboratorium für Analytische Toxikologie in La
voulte-sur-Rhone hat unter der Leitung von Yvan Gaillard 500 Fälle
tödlicher Cerbera-Vergiftungen zwischen 1989 und 1999 im
südwestindischen Bundesstaat Kerala dokumentiert. Die Hälfte von
Keralas Todesfällen, die mit pflanzlichen Giften zu tun haben, und
zehn von allen tödlichen Vergiftungen, gehen auf Cerbera zurück. Das
Team schätzt, dass die wahre Zahl an Cerbera-Todesfällen das
Doppelte betragen könnte, weil Vergiftungen mit Hilfe
konventioneller Methoden schwer zu identifizieren sind.
Durch die Verwendung von Hochleistungs-Flüssig-Chromatographie
gepaart mit Massenspektrometrie zur Untersuchung von Gewebe auf
Spuren der Pflanze, hat das Team eine Reihe von Tötungsdelikten
aufgedeckt, die andernfalls unbemerkt geblieben wären. Das deutet
darauf hin, dass viele als Suizid klassifizierte Todesfälle
tatsächlich Morde waren. Die Früchte des Baums haben einen bitteren
Geschmack. Dieser kann aber verschleiert werden, wenn die Kerne
zerdrückt und mit Gewürzen vermischt werden. Sie enthalten ein
wirksames Herzgift namens Cerberin, das in seiner Struktur dem
Digoxin gleicht, das im Fingerhut vorkommt.
Digoxin blockiert die Calzium-Ionen-Kanäle in der Herzmuskulatur,
was den Herzschlag unterbricht. Während westlichen Toxikologen
Fingerhut-Vergiftungen wohlbekannt sind, behauptet Gaillard,
Pathologen wären nicht in der Lage, eine Cerbera-Vergiftung
festzustellen, wenn sie nicht wüssten, dass das Opfer die Pflanze
gegessen hat. "Es ist der perfekte Mord", so Gaillard. Drei Viertel
der Cerbera-Opfer sind Frauen. Das Forschungsteam vermutet, dass es
sich dabei oft um junge Ehefrauen handelt, die den hohen Ansprüchen
mancher indischer Familien nicht entsprechen. Zudem dürften viele
Mordfälle unentdeckt bleiben, die in Ländern begangen werden, wo die
Pflanze nicht natürlicherweise vorkommt. |