Unterreiner: Der Literaturnobelpreis
- "ein Preis gegen Österreich?"
"Es gibt welche, wie etwa den ehemaligen Burgtheaterdirektor Claus
Peymann, der den Nobelpreis für Elfriede Jelinek als "einen Preis gegen
Österreich" bezeichnet. Es gibt welche, die wie Jelinek, als es nicht mehr
chic war Kommunistin zu sein, ihre langjährige Mitgliedschaft bei der KPÖ
abstreiften und dies rein zufällig zu einem Zeitpunkt, als 1991 die
realsozialistische Utopie auch in der UdSSR in sich zusammenbrach."
"Es gibt auch welche, die wie die "Menschscheue" Jelinek im Jahr 2000, als
eine demokratische Koalitionsregierung in Österreich angelobt wurde und der
grölende Mob auf der Straße "Widerstand! Widerstand! Schüssel Haider an die
Wand!" skandierte, diesem mit Megaphon und Trillerpfeife ihre Aufwartung
machte. Es gibt auch welche, die noch neun Jahre zuvor keinen Anlaß sahen,
gegen das Mörderregime im Osten öffentlich aufzutreten."
"Es gibt welche, die ihren Selbsthaß nach außen tragen und auf diese Weise
ihr Leben gestalten. Es gibt auch Künstler, die dieses Weltbild in ihrem
Werk nach außen projizieren, und es gibt auch welche, die diese Kunst
hochschätzen und ihr Preise verleihen."
"Und dann gibt es auch welche, die mit all dem nichts anzufangen wissen -
diese kommen jedoch nicht zu Wort, so heute die Kultursprecherin der Wiener
FPÖ, Mag. Heidemarie Unterreiner vor dem Hintergrund der
Nobelpreisverleihung für Elfriede Jelinek.

V. S. Naipaul erhält Literatur-Nobelpreis
Akademie bezeichnet Autor als "neuzeitigen
Aufklärungsschriftsteller"
Der trinidadisch-englische Schriftsteller V. S. Naipaul ist der Gewinner
des diesjährigen Nobelpreises für Literatur
http://www.nobel.se . Naipaul
bekommt den Preis "für seine Werke, die hellhöriges Erzählen und
unbestechliches Beobachten vereinen, und uns zwingen, die Gegenwart
verdrängter Geschichte zu sehen". Dies gab die Schwedische Akademie
http://www.svenskaakademien.se heute, Donnerstag, bekannt. Naipauls Werk
besteht in erster Linie aus Romanen und Novellen. In Reportage-Büchern wie
"Eine islamische Reise: Unter den Gläubigen" ("Among the Believers", 1981) und
zuletzt in "Beyond Belief" (1998) hat sich Naipaul auch mit dem muslimischen
Fundamentalismus in nichtarabischen Ländern wie Indonesien, Iran, Malaysia und
Pakistan kritisch auseindandergesetzt.
Der Autor sei ein "neuzeitiger Aufklärungsschriftsteller" und "seltsam
unbeeinflusst von der litarischen Zeitmode", erklärte die Akademie ihr Urteil.
Er führe die Tradition weiter, die einmal mit "Lettres persanes" und "Candide"
begann. "Mit einem hellwachen Stil, der zurecht bewundert wird, verwandelt er
Zorn in Genauigkeit und lässt die Ereignisse mit der ihr eigenen Ironie zu
Wort kommen." Sein literarisches Territorium strecke sich weit über sein
erstes Thema, die westindische Insel Trinidad, hinaus und umfasse Indien,
Afrika, Nord- wie Südamerika, die islamischen Länder in Asien und nicht
zuletzt England. Für die Schwedische Akademie ist Naipaul in moralischer
Hinsicht Erbe des Schriftstellers Joseph Conrad "als Schilderer der Geschicke
der Imperien".
V(idiadhar) S(urajprasad) Naipaul wurde 1932 in Chaguanas in der Nähe von
Port of Spain auf Trinidad geboren. Seine Familie sind Nachfahren hinduischer
Einwanderer aus dem nördlichen Indien. Im Alter von 18 Jahren begab sich
Naipaul zu einem Studium in Oxford nach England, wo er seit den 70-er Jahren
in Wiltshire, in der Nähe von Stonehenge lebt. 1990 wurde er von Königin
Elizabeth geadelt. Naipauls literarisches Debüt erfolgte 1957 mit "Der
mystische Masseur" ("The Mystic Masseur"), als sein Hautptwerk gilt der
biografische Roman "Ein Haus für Mr. Biswas" ("A House for Mr. Biswas") von
1961. Die zahlreichen Reisen Naipauls fanden in Reportage-Büchern wie "Indien:
Ein Land im Aufruhr" ("India: A Million Mutinies Now", 1991)" ihren
Niederschlag.

100 Jahre Nobelpreis Literatur
Alfred Nobel verfügte in seinem Testament ein Preisgeld für den Autor, der "in
der Literatur das Ausgezeichnetste in idealer Richtung hervorgebracht hat".
Das Buch "Nobelpreise" aus dem Verlag F. A. Brockhaus gibt einen kompetenten
Einblick in Leben und Werk der herausragenden Persönlichkeiten der Literatur.
Johann Wolfgang von Goethe forderte: "Was man mündlich ausspricht, muss der
Gegenwart, dem Augenblick gewidmet sein; was man schreibt, widme man der
Ferne, der Folge." Demgegenüber bemerkte Wilhelm Busch:
"Gedanken sind nicht stets parat. Man schreibt auch, wenn man keine hat."
Nobelpreisträger der Literatur müssen sich da an Goethe orientieren. Sie
stehen im Ruf, in ihren Büchern herausragende Leis-tungen zu vollbringen. Die
bedeutendste und begehrteste Auszeichnung in der Disziplin des geschriebenen
Wortes würdigt nicht nur die hohe Kunst der Formulierung. Gesellschaftliche
Relevanz und humanistisches Ideal spiegeln sich gleichsam im Werk eines
Laureaten wider wie Originalität und Einzigartigkeit des lyrischen Tons. So
schaut die Weltöffentlichkeit im Oktober gespannt nach Stockholm, wenn der
neue Nobelpreisträger für Literatur bekannt gegeben wird.
Bastion der Freiheit
Heinrich Böll wurde 1972 geehrt. Für Dichtung, die "durch ihre Verbindung von
zeitgeschichtlichem Weitblick und einfühlsamer Charakterisierung erneuernd in
der deutschen Literatur gewirkt hat". Als Böll von seiner Berufung hörte, war
seine erste Reaktion: "Was, ich allein und nicht der Grass auch?". Günter
Grass musste noch 27 lange Jahre auf seinen Nobelpreis warten.
Böll bekannte sich zur "Trümmerliteratur", entwickelte einen unsentimentalen
und schonungslosen Blick für die Realität der Nachkriegszeit. In seinem Roman
"Gruppenbild mit Dame" hielt er der Wirtschaftswunder-Gesellschaft den Spiegel
vor. Dass er damit nicht nur internationales Lob erntete, sondern in
konservativen Kreisen Deutschlands angefeindet wurde, mag angesichts der
politischen Lage der damaligen Zeit nicht verwundern. Heinrich Böll meldete
sich auch zu politischen Themen kritisch zu Wort. Und zumal ein Jahr zuvor
Willy Brandt den Friedensnobelpreis erhalten hatte und Böll offen für die SPD
Partei bezog, hatten konservative Kreise ihre Mühe mit Nobelpreisen. So
schrieb die Zeitung "Die Welt" von einer Fehlentscheidung der Akademie.
Heinrich Böll indessen übte in seinem Roman "Ansichten eines Clowns" scharfe
Kritik an Vertretern der katholischen Kirche und der CDU. Böll hielt an seinen
eigenen Maximen fest. "Ich glaube", schrieb er, "dass der Schriftsteller, der
so genannte freie Schriftsteller, eine der letzten Bastionen der Freiheit
ist."
Kein Preis für Anfänger
Günter Grass bekam den begehrten Preis 1999, weil er "in munter schwarzen
Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat". Seine Romane
"Die Blechtrommel" und "Hundejahre" brillieren nicht nur durch einen
originalen, wortgewandten Stil. Grass verarbeitet darin auch das Verleugnete
und Vergessene in der deutschen Geschichte. Und auch Grass ist, wie schon
Böll, ein Intellektueller, der zu gesellschaftlichen und politischen Fragen
Stellung bezieht.
Was dann doch verwundert hat: Die Blechtrommel erschien 40 Jahre vor der
Preisverleihung. Akademiemitglied Horace Engdahl stellt dazu fest: "Der
Nobelpreis ist kein Debütantenpreis." Den Literaturpreis bekomme niemand, der
nur einmal auf der Nominierungsliste stehe.
Schon Thomas Mann, Literatur-Nobelpreisträger von 1929, musste 27 Jahre nach
Erscheinen der "Buddenbrooks" auf seine Auszeichnung für dieses fundamentale
Werk warten. Gerhart Hauptmanns "Die Weber" lag bereits 18 Jahre zurück, als
er 1912 den Nobelpreis erhielt. Den Tipp für das Schaffen von zukünftigen
Nobelpreisträgern gibt Johann Wolfgang von Goethe: "Steile Gegenden lassen
sich nur durch Umwege erklimmen."
Mehr über die Preisträger lesen Sie im "Nobelpreise - Brockhaus".
Das Werk ist in jeder Buchhandlung erhältlich und kostet 97,50 DM.
