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© All rights reserved by Jörg W. Baur / REGIO-PRESS
nein die seele
nein die seele bleibt
geschwärzt
wie eine raucherlunge
nein sie bleibt wohl
wie ein falter vertrocknet
in einem band des lexikons
freu dich sie bleibt
verfahr mit ihr
wie's dir beliebt
denn was sonst
bleibt dir zu tun

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Kurze Geschichte
Es wird Morgen, weil
das Dunkel
sich nackt ausgezogen hat. Die
Verwechslung, egal
in welchem Bahnhof;
findet statt. Am Ort, aus
dem ich stets
gerade abgereist bin, läutet
der Schutzengel. Er muss enorme
Geduld haben, bis seine
Flügel den Mut
entwickeln, sich heraus
zuhalten und ihn
ins Nichts zu tragen.
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Elisa
Elisa ist Meisterin im Verdecken von Enttäuschungen. Niemals würde sie
zeigen, was sie gewollt hat, und gibt dadurch niemandem das Recht, Zeuge
ihrer Enttäuschung zu werden. Das bedeutet, dass auch Menschen, die Elisa
nicht lieben, nie zum Punkt des endgültigen Überdrusses mit ihr kommen, denn
sie widersteht auf so unfassbare Art dem Zwang und der Versuchung, geringste
Zeichen ihrer Liebessehnsucht zu geben, dass man Elisa nie knacken und
wegwerfen kann. Mit ihrer Bedürfnislosigkeit, die sie so perfekt vorspielen
kann, gibt sie keinen Grund zur Verstoßung. Sie überwintert unauffällig in
der Nähe der geliebten Personen und verbringt ihr Leben damit, die kleinsten
hoffnungsvollen Veränderungen zu registrieren, um jederzeit gerüstet zu sein
für ihr großes Glück. Wenn es nicht kommt, ist es, als sei nichts gewesen.
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Leben schreiben
Aus dem leben heraus ist es getan
und ohne jemals zu wissen
wie die dinge ablaufen wollen
oder was ein leben und schließlich
jedes leben überhaupt ist
das blatt im sonnenlicht die stimme im tag
der autor in den worten
und die unsichtbaren
worte selbst
in deren leben wir erscheinen
und zu sprechen lernen
bis was wir sprachen
fast alles scheint was wir wissen können
ein umgang mit worten ist das leben
der anderen zu erzählen
distanz wie eine lupe nutzend
ein anderer umgang
ist wenn da keine distanz ist
so dass wasser
in wasser schaut
wie wenn du an einem wintermorgen
dem frühsten dessen du dich erinnern kannst
während die ebenen weiß wurden
im licht vor dämmerung
deinen onkel sahst - war es dein onkel? - wie er aus
dem schatten trat und sein gesicht wusch
ist es uns klar
wenn ein einzelner augenblick vollständig
gesehen werden kann Wird er das ganze enthüllen
noch ist dieses licht da im wasser
vor sonnenaufgang
der unerzählte tag
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Der Namenlose
Schon zu Lebzeiten unbekannt
Verstorben, verweigert er
jede Annahme. Täglich kommen
noch ein paar Rechnungen
deren Worte undeutlicher werden.
Neues Papier kann er sich
schon lange nicht mehr leisten.
Also schreibt er zwischen den Zeilen
des alten. Einmal die Woche
kommt seine Putzfrau, sichtet
die Seiten, verwirft das meiste
und kräht nach ihm dreimal.
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Gedicht ohne Telefon
Die Hoffnung geht barfuß
durch die Welt. Sie ist schon
angekommen, wenn wir gerade
aufbrechen. Wir müssen
ihr entgegen gehen, und
sie stützen, damit sie nicht
zusammenbricht. Wir
müssen immer wieder
ihre wunden Füße heilen. Wohin
sie auch geht, sie kehrt
zum Ende zurück, das
wir für den Anfang hielten.
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Weinflaschen
Vor vielen Jahren, während eines Spazierganges, stieß der Dichter einmal
zufällig auf eine Stelle am Wegesrand, an der ein verkorkte und
offensichtlich volle Weinflasche aus dem Boden ragte. Kaum hatte er sie
vollends herausgezogen, schob sich an genau derselben Stelle ganz langsam
ein zweiter Flaschenhals aus dem Erdreich. Und so, berichtet der Dichter,
sei es schließlich schier endlos weitergegangen. Auf jede geerntete Flasche
sei sozusagen der gläserne Spross einer weiteren Flasche gefolgt. Zweifellos
an sich eine Entdeckung, die ihn zu einem glücklichen und nicht zuletzt
wohlhabenden Mann hätte machen können, wenn an der Geschichte nicht ein
Pferdehuf gewesen wäre. Um nämlich die nachwachsende Flasche gänzlich
gedeihen und zu voller Reife gelangen zu lassen, sei es erforderlich
gewesen, sie ausgiebig zu begießen, wozu sich aber unglücklicherweise nur
eine ganz bestimmte Flüssigkeit geeignet habe: der komplette Inhalt der
unmittelbar zuvor geernteten Flasche!
Hunderte und Aberhunderte von Flaschen habe er auf diese Weise in den
folgenden Wochen aus dem Boden gezogen, nur um sie sogleich ausgießen zu
müssen, ohne in den Genuss auch nur eines einzigen Tropfens gekommen zu
sein. Eine wahrhaft bedrückende Erfahrung, über die er erst jetzt,
Jahrzehnte später, sprechen könne.
Das Fürchterlichste aber sei ihm an jenem Tage widerfahren, als er endlich
der sinnlosen Arbeit müde, kurzerhand eine frisch geerntete Flasche
entkorkt, an den Mund gesetzt und in einem Zug ausgetrunken habe.
Im ersten Moment sei er noch durchblutet worden von einen triumphalen
Glücksgefühl, dem ein ausgeprägter Wohlgeschmack zur Seite gestanden habe.
Aber das herzzerreißende Wimmern, das traurige, nicht enden wollende Rufen
der nun unweigerlich todgeweihten, elendiglich zugrunde gehenden
Folgeflasche, die just ihr zartes Hälschen aus dem Mutterboden gestreckt
hatte - das werde ihn verfolgen bis an sein Lebensende, wenn nicht gar dar-
über hinaus.
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Stilleben
Tote Blätter / auf denen
ich schreibe
die Buchstaben / werden abgestellt
wie Stühle
im winterlichen Gartencafé
Zwischendurch / kommt jemand
vorbei
und sagt: Man muss
Sand sein im Getriebe der Welt
Salz / in den Wunden
Genau / sage ich
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Abschied von der Erinnerung
Da geht die Erinnerung des Weges
ihr Hund bellt in den dunklen Nächten
und leuchtet der ferne Stern
wirft sie einen Schatten auf den Baum
Da kommt die Erinnerung zu uns
sie hat uns von weitem gesehen
und ab und zu gewunken
und als der Morgen anbrach
fanden wir nichts als Asche
Reste von einem Faden und
einen verschwundenen Schatten
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Zwei Tomaten
Zwei Tomaten auf dem Band
Zum Pürierer waren entbrannt
Füreinander blieb kaum Zeit
Vor der Ketchup-Ewigkeit
Plötzlich ein Maschinenstopp
Arbeitsschluss im Saucenblock
Und die Spätentflammten hatten
Eine letzte Nacht der Schatten
Traurig: ihre roten Aschen
Kamen in verschiedene Flaschen

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Weiß
Ein künstler malt weiß
Malt mit weiß auf weißem feld
Auf weißem schnee ein weißes tier
Einen weißen zugefrorenen himmel
Weiße milch auf weißem tisch
Beim weißen ofen in der bauernstube
Eine weiße wolke in einer weißen nacht
Die weiße flamme einer weißen kerze
Der künstler malt weiß
Auf seiner palette
Schwarz in schwarz
Vermischt die Farben
Einfach
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die quadratur des kreises liegt auf
der hand
nachrichten wachsen auf den bäumen
jungfrauen geschwängert von nebengeräuschen
gebären lautlos außerhalb der bannmeile
rentner werden schriftlich gebeten die zähne
abzugeben
fortan können sie keine fakten mehr zählen
schlucken mundgerechte mülldragées
und beten zu einer eklipse
in den städten die aus später einsicht leise
werden
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Früher
November
Was ich vom Tag erwarte
die Dämmerung, die Nacht
die schon am Morgen lachte:
Erwarte mich.
Verstorbene Witwen zählen ihre Bestecke
ein Meckern an elektronischen Ladenkassen
ich doch vor Ihnen, aber bitte, Ursache keine.
Die Wolken spielen Sturmtheater
der Himmel bläht sich auf mit PIastiktüten
ich weine nicht, bin nicht alleine
der Tag verstreicht, verstrich, gestrichen
Äste bürsten den Horizont
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Allerwirtsweisheiten
In einer Tränenlauge geht mit der Zeit jeder Leck ab. Als Wirt weiß man
immer, wie es zuschlechterletzt ausgeht. Leidensgenossen erkennen sich
spätestens am Lachen. Am freigebigsten können immer diejenigen sein, die gar
nichts haben. Um Mitternacht zerfließen die Zeiger der Thekenuhr zu einem
schwarzen Schnitt. Die Bierernsten und die Weinseligen passen genausowenig
zusammen wie die Altspunde und die Schlechterwisser. Ein Doppelleben kann
man nur der Länge nach halbieren oder in der Breite. Wer sein eigener Herr
sein will, wird irgendwann zum untertänigsten Diener seiner selbst.
Unerfüllte Jugendlieben entwickeln sich meistens zu Altersgebresten. Vom zu
vielen Erzählen kriegt man einen Erinnerungsschwips. Das genaueste Zeitmaß
ist noch immer ein Gedächtnisschwund. Mehr als einen Brustkorb voll Schmerz
vermag keiner zu tragen. Mit der Wahrheit kann man drei Leute entzweien. Wo
der Klügere nachgibt, behalten die Dummen recht. In die Sätze von
Betrunkenen lässt es sich manchmal hinunterblicken. Werden Terrassenmöbel zu
früh hinausgestellt, dreht sich die schwindende Kälte noch einmal um. Der
stete Tropfen löscht nicht einen Durst.
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Vor
dem Sprung
Als er die Augen öffnete, sah er zuerst dichten Nebel dann grelle
Lichtpunkte, und es dauerte Sekundenbruchteile, bis er alles genau erkennen
konnte.
Er stand auf einem riesigen Betonquader inmitten einer Trümmerlandschaft Er
drehte sich um die eigene Achse, überall Abbruchhäuser, und dazwischen
kletterten Männer in blauer Arbeitskleidung umher. Ihre gelben Schutzhelme
leuchteten im staubigen Sonnenlicht. Einer der Männer kam zum Fuß des
Betonquaders und rief zu ihm herauf: «Chef, was sollen wir jetzt machen?»
«Ich weiß nicht», schrie er, sah an sich herab und spürte das Gewicht des
Hutes auf seinem Kopf. «Ich weiß es wirklich nicht», antwortete und
versuchte ,sich krampfhaft zu erinnern, warum er hier auf dem Betonquader
stand, noch dazu in schwarzem Anzug, als würde er zu einer
Theatervorstellung gehen; und an den Händen gefütterte Lederhandschuhe,
obwohl doch Hochsommer war und- die Hitze den Asphalt der Strassen
aufweichte.
«Seltsam», murmelte er.
Er schloss die Augen, um besser nachdenken zu können, er wußte, er konnte
dabei nicht mehr wählerisch sein.
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Gedichte
Die hälfte der dinge
fällt einem aus dem kopf.
doch gedichte fallen einem
wie schnee auf den kopf
aus geschäftspapieren
aus notizbüchern
aus der geldbörse
na ja sie fallen ganz einfach
unablässig
aus dem kontext
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Lange
trauern
Mein pfad ist so
gebrechlich,
er ist schwer erkennbar
aus der
wildnis: kein
kiesweg
gelegt und keine zeichen drüber:
bachufer sind
fürs durchqueren unverändert,
die fliegen grässlich:
aber wenn ich
müde werde, begnüge ich
mich rücklings mit
einem felsen, zu alt für ein ereignis,
und döse und
lausche der
existenz
in ihrer
wassergleichen tiefe,
der stimme von
wimpern & krebsen
zwischen
skizzen und farnabdrücken,
bewahrt in dunkler unbeantwortbarkeit
zu so viel verlust
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