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Der kalte Wind der Freiheit


Manchmal keimt in Frauen die Sehnsucht, eigenständig und versorgt zu sein.
Doch das ist wie Fahren mit angezogener Handbremse . Die gelegentliche Angst
weiblicher Singles vor der Unabhängigkeit.

Die Stunde des Wolfes. Sie schlägt meist um drei Uhr früh und reißt dich
brutal aus unruhigem Schlaf. Mit fahrigen Händen greifst du zur Zigarette und
würdest dir am liebsten drei auf einmal anstecken. Im warmen Licht der
Nachttischlampe leuchtet dir aus jeder Ecke des Zimmers das gebleckte Gebiss des
knurrenden Untiers entgegen, auf dem in großen Buchstaben Existenzangst
geschrieben steht. Selbstzweifel , ein alles durchdringendes Unfähigkeitsgefühl und
die Angst vor Alter, Wahnsinn und Tod treiben dir den Schweiß aus den Poren. Du
musst dem Wolf die Zähne zeigen. Jetzt ganz allein.

Wenn du im Kampf gegen die eigene Hilflosigkeit zu Boden gehst, denkst du
neidvoll an alle Frauen, die friedlich und behütet in den Armen ihrer Ehemänner
liegen. Die Errungenschaften der Emanzipation erscheinen plötzlich äußerst
zweifelhaft. Du verfluchst deine Freiheit. Sie ist kein müdes Mailüfterl, das
dich verheißungsvoll umfächelt, sondern ein unerbittlicher Nordwind, der dich
gerade anbläst.

Frauen entdecken allemählich, dass nichts gefährlicher ist als die Flucht in
die Freiheit schreibt Colette Dowling in Ihrer Psycho-Studie Der
Cinderella-Komplex. Wie recht sie doch hat. Sie haben festgestellt, dass Geldverdienen
gar nicht lustig ist und der Erfolg im Vergleich zu den Anstrengungen doch
eher bescheiden ist.

Das liegt an der Männerwelt, in der es für Frauen nicht selten einfach kein
Weiterkommen gibt. Folglich gehen sie zurück. Immer wenn das Leben zu
schwierig wird, haben Frauen die Möglichkeit aufzugeben und bei einem Mann Schutz zu
suchen, meint Dowling und weist auf die gefährlichen Folgen hin. Das nimmt
dem Willen, unabhängig zu überleben, die Durchschlagskraft.

In der Stunde des Wolfes ist dir das egal. Von einem Willen ist längst keine
Rede mehr. Du fällst, und keiner ist da, der sich auffängt. Das ist alles,
woran du denken kannst. Warum hast du nicht rechtzeitig geheiratet oder
wenigstens den - na, wie hieß er denn gleich gleich - bei dir einziehen lassen.

Jetzt bist du ganz allein und nichts scheint dir erstrebenswerter als die
Doppel-, Dreifach und sonstige Belastung einer Ehefrau. Du schmeißt der
beißwütigen Bestie ohne Bedenken dein geliebtes eigenständiges Leben in den Rachen
und erträumst dir eine sichere Zweisamkeit  In einer Beziehung geht es nicht
mehr um die eigenen Ziele, sondern um die des Mannes. Das befreit kolossal -
vor allem, wenn die eingeschlagene Richtung ohnehin noch keine Linie hatte.

Das Ende des Weges geschreibt Anne Taylor im New York Times Magazin. Nachdem
die Frauen Arbeit, einen Analytiker und einen neuen Ehemann gefunden haben,
stehen Sie wieder in der Küche und kochen. Sie kochen ernsthaft und mit einer
Spur Zärtlichkeit . Vielleicht ist es auch eine Barriere gegen berufliche
Enttäuschungen . Für Frauen, die feststellen mussten, dass ihnen der Erfolg
weniger Erfüllung brachte, als sie sich erträumten, dass die Büros nicht so
angenehme Orte waren, wie sie sich erhofft hatten, sind die Küchen plötzlich
wieder Orte, sichere Orte. Die Mahlzeiten, die diese Frauen bereiten, und die
Parties, die sie geben, bringen ihnen müheloser Lob ein als der Beruf.

Dafür sind die reumütig an den Herd Zurückgekehrten im Traum alle reich und
berühmt. Am schönsten waren die Augenblicke, in denen ich mir vorstellte, man
würde mich entdecken, man würde meinen eigentlichen Charakter entdecken,
meine verborgenen Talente, und man würde mich in das aufregende
Scheinwerferlicht stellen, wo eine unbekannte Erfüllung auf mich wartete, beschreibt Dowling
die weibliche Sehnsucht nach Durchsetzung ohne Müh und Not unter den
erstickenden Fittichen eines Mannes, die fälschlich als beschützende gesehen werden.
Da sich Talente aber nicht auf engstem Raum entfalten können und somit von
der Welt unbemerkt verkümmern, muss die Äußergewöhnlichkeit wenigstens vom
Partner anerkannt werden.

Frauen fühlen sich die meiste Zeit missverstanden und vergeuden viel Zeit
ihres Lebens mit der Suche nach Verständnis, schreibt Anne Wilson Schäf in
Weibliche Wirklichkeit. Und verweist auf die vorprogrammierte Ent-Täuschung jeder
Verständnisheischenden, die feststellen muss, dass jene überlegenen
männlichen Wesen, die von uns unserem Frau- und Minderwertigsein erlösen sollen, in
Wirklichkeit Menschen wie du und ich sind. Schon wieder wurden wir
hereingelegt.

Das will Frau umgehen, indem sie aus ihrem Mann einen besseren macht. Einen
liebes- und beziehungsfähigen, der endlich einmal seine weibliche Seite
heraushängen lässt und nicht nur den Macho. Diese Arbeit streichelt auch das
eigene Ego, denn angesichts der männlichen Schwächen steht die Frau allemal noch
gut da.

Wenn er sich wehrt und ihr vorhält, dass ihr Gehalt nicht einmal für die
Fixkosten reicht, hilft die zeitgemäße Entgegnung, dass er mitsamt seinen
Geschlechtsgenossen seit Jahrtausenden weibliche Entfaltung verhindert hat. Wozu
soll sie sich plagen, wenn sie statistisch gesehen bei gleicher Leistung noch
immer dreißig Prozent weniger verdient als er. Mit diesem Argument schmettert
sich auch kurzerhand seinen Einwand ab, dass Heirat für Frauen immer noch ein
gutes Geschäft ist, solange sich damit Friseurinnen einen Lebensstandard
erpartnern können, der mit Haarewaschen nie zu erreichen ist und von dem der
föhnende Kollege nur träumen kann.

Und überhaupt was geht das alles dich an? Du bist eine selbstständige Frau,
die im Morgengrauen von ihrer Eigenverantwortung genug hat und sich
gedanklich soeben aus den Klauen des Wolfes in jene des Mannes schmeißt. Dort wähnst
du gesellschaftliche Anerkennung, die mit seinem Aufstieg Schritt hält. Damit
verbundene Frustrationen teilst du mit Freundinnen, die nach deinen
häuslichen Katastrophen geradezu lechzen &#8211; bestätigen sie ihnen doch die
Normalität der eigenen Lage. Das gemeinsame Lamentieren tu gut. Das weißt du auch
als Selbstständige, die vor Liebesdramen nicht gefeit ist.

In hell aufblitzenden Momenten während deines Kampfes mit dem Wolf wunderst
du dich allerdings mit Colette Dolwling darüber, wie leicht es Frauen fällt,
ihre Ambitionen aufzugeben. Wir entscheiden uns für Bequemlichkeit und
Sicherheit und stellen sie über Motivationen und die Angst, die oft damit
einhergeht.


Seit Simone de Beauvoir vor mehr als dreißig Jahren scharfsinnig
feststellte, dass Frauen die untergeordnete Rolle akzeptieren, um den Anstrengungen aus
dem Weg zu gehen, die mit der Gestaltung eines authentischen Lebens verbunden
sind, sind die Mühen eines eigenverantwortlichen Daseins nicht beliebter
geworden. Die Freiheit, die Frau meint, geht oft über die angenehme Vorstellung
von Ihrem Mann keine Befehle mehr entgegenzunehmen, nicht hinaus. Wenn er
jedoch Abenteuer und Aufregung ins warme Heim bringt, ohne dafür ohne dafür
gewaschene Socken zu verlangen, ist ihr Freiheitsbedürfnis nicht mehr so groß.

Sie will nur das Wichtigste für ihn sein und ihm erzählen dürfen von ihren
Plänen und den neu erworbenen An- und Einsichten, die sie bei der
selbstverliebten Nabelschau gewonnen hat. Sie ist der bessere Mensch, der die schmutzigen
Geschäfte da draußen lieber dem Mann überlässt, solange er die Rechnungen
zahlt, das Kind von der Schule abholt und manchmal das Geschirr abwäscht. Man
kann sich ja nicht um alles kümmern. Wo bliebe denn da die
Selbstverwirklichung. Drei Kurse pro Woche sind schließlich aus kein Honiglecken. Diese
Vorstellung reißt dich aus deiner bisher so angenehmen Gedankenflucht. Der Wolf
erscheint dir plötzlich gar nicht mehr so furchterregend. Du rauchst dir noch eine
an und schaust selbstmitleidlos auf deine momentan so triste Realität, die
der Mann in deinem Leben nicht mit dir teilt, weil es an gemeinsamen
Zukunfstplänen fehlt und daher jeder seinen eigenen Alltag hat. Ihr könnt euch um Gott
und die Welt kümmern und nicht um die Rechnungen des anderen. Du kannst
entscheiden, ob du ihn lieben oder doch besser erziehen sollst. Das liegt ganz
allein bei dir - und die Folgen die trägst du so oder so.

Du hast es gut. Du kannst tun und lassen, was du willst, sagt deine Freundin
immer neidvoll, bevor sie zu Mann und Kind nach Hause eilt. Ja,  du hast es
wirklich gut.
Kein Mann sagt, dass sich die Anschaffung des Staubsaugers endlich
amortisieren soll und keiner schaut mit vorwurfsvollem Blick auf den Berg
Schmutzwäsche. Du könntest drin ersticken und es fiele niemandem auf.

Kein Kind plärrt nach dir und keines freut sich mit leuchtenden Augen, wenn
du nach Hause kommst. Dich begrüßen die Katzen. Wenigstens dann, wenn du sie
mit leerer Futterschüssel lange genug allein gelassen hast.

Du hast es wirklich gut. Du kannst nächtens durch die Lokale ziehen und
musst nicht Rechenschaft ablegen, wenn du zerzaust um vier Uhr früh heimkommst
-oder gar nicht. Dafür verlangt der Elektrohändler, dass du deinen Mann
verbeischicken sollst, wenn du einen bestimmten Schalter verlangst, und die
Handwerker hauen dich übers Ohr, weil du keine Ahnung hast. Deine Mutter meint, du
hättest keinen Bezug zur Realität, und Vater würde ich gerne versorgt sehen.
Die Berufskollegen lachen freundlich über deine echt weiblichen Vorschläge, was
soviel heißt wie - das geht ja wohl über Ihren Horizont.

Du aber hast längst gelernt, über Kleinigkeiten zu lachen, weil sich der
Horizont deiner Welt ins Unermessliche erstreckt, und lässt dich nicht mehr so
schnell aus der Ruhe bringen, du kannst Verträge aushandeln, Ratenzahlungen
vereinbaren, Beamte überzeugen und manchmal schon nach der zweiten Mahnung
deine Rechnungen bezahlen.

Wenn du diesen ganzen Stress erfolgreich schaffst und ganz nebenbei mit
unvermeidlichen Neiderlagen und der Scham darüber fertig wirst, kannst du bei
Anne Wilson Schief nachlesen, dass du zu den supertüchtigen Frauen gehörst, die
das White Male Syndrom angenommen haben und du deshalb für viele Männer und
Freuen ein Gräuel bist.

Dafür liebst du dich selbst - und wirst von Menschen geliebt, die ganz genau
wie du der Fülle des Lebens gegegnen wollen und nicht nur ein vordergründig
bequemes, in Wirklichkeit jedoch recht langweiliges Plätzchen besetzen.


 

Im Dunkel der Nacht


Irgendwann im Dunkel der Nacht
Wirst du an jene Wand geraten
Aufgestellt von des Menschen Macht
An der sie dich mit Atomen braten
Du wirst nicht mehr von Liebe träumen
Sondern in der Einsamkeit Tränen erzeugen.

Irgendwann im Dunkel der Nacht
Bleiben deine Augen wie tobende Flüsse
Aus deiner Seele keine Freude lacht
Und du verlierst das Gefühl für Küsse
Es bewegt sich dein aufgewühlter Blick
Auf einem Weg zurück.

Irgendwann im Dunkel der Nacht
Klingt dein Herzschlag wie Peitschenknall
Und in den Illusionen der Liebesmacht
Taumelt dein Leben als Spielball
Und verliere niemals deine Träume
Die sagen: ich liebe dich!

                                                                         

  


 
Joerg W. Baur [REGIO-PRESS] 91801237



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Stand der letzten Bearbeitung:
 13.02.2007 03:34:01
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